Kleine ungarische Flirtschule

Wieso sind Anmachsprüche meist auf Männer getrimmt? Muss immer ER zuerst SIE ansprechen? Und warum ist das auf Facebook anders? (Ich rede jetzt nicht davon, dass man jetzt schon Freunde kaufen kann.)

Da steht er, und ich stehe hier. Er sieht mich, sagt nichts. Ich sehe ihn, sage nichts. Wir sind in einem Club in einer Budapester U-Bahnstation. Zwei DJs legen auf, nicken hinter dem Mischpult, der eine schiebt seinen Kopfhörer vom rechten Ohr weg. Alle Anwesenden trinken dünnes Bier aus weichen Plastikbechern, die sie schnell leeren und auf den Boden werfen. Die Fensterscheiben auf den U-Bahn-Gang hinaus sind beschlagen, es ist sehr heiß. Er steht nur noch einen Meter von mir entfernt und fällt in dieser Sauna-Atmo in seiner dicken Jacke, mit seiner prallen Tasche ziemlich auf. Alle schwitzen hier, aber er bleibt thermo-gepolstert.

Er schaut ständig zu mir herüber, ich auch zu ihm, aber sein Gesicht verrät keine einzige positive Regung. Nun habe ich gelernt, dass in Ungarn die Frauen sehr offensiv sind. Sie sprechen die Männer an, sie haben die Wahl. Das ist doch sehr höflich von den ungarischen Männern, den Frauen den ersten Schritt zu überlassen. Ich habe trotzdem ein Problem, denn ich bin Deutsche, ich grübele so viel: Auf welcher Sprache soll ich flirten? Soll ich meine drei Wörter Ungarisch zu einem grammatikalisch und inhaltlich peinlichen Satz zusammenbauen und damit Gefahr laufen, dass er mich für dumm hält? Oder riskieren, dass der Satz verständlich ist, eine ungarische Antwort bekommen, die ich nicht verstehe, was mich ebenfalls als sehr blöd erscheinen lässt? Oder auf Englisch/Deutsch/… wilder Gestik, Kontakt aufbauen, womit aber genau das Gegenteil eintreten könnte: Der Mann spricht keine der Sprachen, so dass er stumm bleiben wird.

Bleibt nur: antanzen, rüberblinzeln, Pony aus dem Gesicht streichen, Brust raussrecken, mit dem Hintern schunkeln, zufällig zusammenstoßen und ShaggyShaggy. Ich tanze in seine Richtung, so dass wir schon bald direkt nebeneinanderstehen. ABER ER TANZT NICHT!!! Und nach einer halben Stunde SCHAUEN geht er. Mit der dicken Jacke. Zu Hause fällt mir dann ein Satz ein, den ich hätte sagen können, auf verschiedenen Sprachen: “Bist du auf Facebook?” Ich hätte ihm am nächsten Tag eine Freundschaftsanfrage geschickt, er hätte, auch als Schüchterner, ganz in Ruhe meine Partybilder durchklicken können, hätte mir vielleicht mal einen Glückskeks geschickt oder mich für den Test “Welcher Urlaubsort bist du?” angemeldet. Und wir wären ins Gespräch gekommen. Nach ein paar Wochen, bei einem echten Date. Ein Jahr später habe ich ihn übrigens wirklich zufällig wiedergesehen, in einem Café im Stadtzentrum. Er war dort mit einer bezopften Frau verabredet, die er verliebt anschaute. Seine dicke Jacke hing über der Stuhllehne. Ganz der Alte, dachte ich. Und ich hörte, wie er redete. Er sagte etwas, das ich verstand, jedes Wort verstand ich, denn … er sprach Deutsch. Was lernte ich daraus: Weniger denken, weniger tanzen, mehr flirten!

Hier noch ein Video zur Facebook Etikette und der “Flirt-Guide fürs Web 2.0” auf Basic Thinking, für alle diejenigen, die auch Sprachprobleme haben. Ich würde hier noch ergänzen: Poking beendet jede Beziehung (Stichwort: Facebook Exodus). Daher gilt: “Meeting IRL” (im realen Leben) ist sinnvoll. In welchem Idiom auch immer. Wenn ihr wissen solltet, wie man in anderen Ländern IRL flirtet, würde mich das stark interessieren. Ungarn lasse ich erstmal hinter mir.

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