Der weibliche Orgasmus ist, im Gegensatz zum männlichen, bisher recht unkartografiertes Gelände. Heike Faller bemüht im aktuellen SZ-Magazin sogar ein Diktum des Psychoanalytikers Sigmund Freud: “Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten mag, lautet: Was will die Frau?” Also spürt die Journalistin in ihrem Artikel (leider nicht online) dem aktuellen Forschungsstand zu “pink Viagra” nach. Diese Luststeigerungspillen für die Frau sollen frühestens 2010 auf den Markt kommen.
Aber macht eine Tablette wirklich “Lust auf mehr”, fragt die Mädchenmannschaft? Und geht es wirklich darum? Immer besser, immer schneller, immer toller zu kommen? Wir Liebeserklärer finden das viel zu stressig, viel zu gehetzt, und sagen in unserem Buch: Bleibt locker. Genießt alles. Auch das Langsame. Und auch Pannen sind völlig ok. Sonst geht es euch nachher so wie den Berliner Lesebühnen-Autorinnen und -Autoren in “Von Spaß war nie die Rede” (Satyr Verlag, 2009). In ihrem Blog auf ZEIT ONLINE verfasste auch Sigrid Neudecker gerade ein Plädoyer gegen den Leistungsdruck beim Sex. Unseren Text dazu lest ihr ab dem nächsten Absatz (es geht unter anderem um Simone de Beauvoir). Wir glauben, dass Sex immer besser wird, je mehr Erfahrungen man sammelt. Das gilt für Mann und Frau, und ist daher endlich mal eine gleichberechtigte Meinung zum Orgasmus. Oder?
Das war’s: War das jetzt der Orgasmus?
Beim ersten Mal denkt man wohl kaum an den Orgasmus, sondern eher daran, es hinter sich zu bringen. Nach dem zehnten Mal fängt es langsam an Spaß zu machen, doch mit dem Spaß taucht auch die Frage auf: Bin ich jetzt eigentlich gekommen?
Glaubt man Sex erfahrenen Frauen, ist es ein steiniger Weg zum Orgasmus. Immer wieder hört man Horrorgeschichten von denjenigen, die erst mit 30 Jahren zum ersten Mal einen richtigen Orgasmus beim Sex erlebt haben. Simone de Beauvoir zum Beispiel war 37 Jahre alt, als sie ihren ersten Orgasmus hatte. Doch so schlimm muss es nicht kommen. Eine Möglichkeit ist, mit Freundinnen zu sprechen. Zu ihnen sollte man genug Vertrauen haben, vor allem auch, damit sie es für sich behalten. Außerdem fällt es nicht jeder leicht, über das Thema zu sprechen. Ist schließlich sehr intim und sehr persönlich. Vielleicht hat eine Freundin ja ähnliche Probleme und Zweifel, vielleicht hat sie auch einen Tipp oder Trick? Eine andere Möglichkeit ist, mit dem Freund zu reden. Denn was absolut nicht sein muss, ist die große Ekstase vorzuspielen. Lieber gemeinsam probieren, spielen und sich am Ende freuen.
Was also macht einen richtigen Orgasmus aus? Viele erwarten, dass ein Orgasmus mit einem Partner mindestens doppelt so intensiv ist wie der bei der Selbstbefriedigung. Das muss aber nicht so sein. Ein Orgasmus kann auch nur ein kleiner warmer Schauer sein, der einem durch den Körper fährt, eben nicht viel mehr als das Gefühl, das man von der Selbstbefriedigung kennt. Vor allem am Anfang, wenn man noch gar nicht so weiß, was einen anmacht, oder in welcher Stellung man am besten kommen kann, sind Orgasmen oft weniger intensiv als einen Bücher oder Spielfilme glauben machen wollen. Anstelle einer Ekstase haben wir eben manchmal nur ein wohliges “Ahhhhh, das war aber schön”-Gefühl.
Der beste Ratschlag für einen guten Höhepunkt ist wohl, sich zu entspannen und sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, ob es klappen wird oder nicht. Sex ohne Orgasmus kann extrem gut sein. Mit einiger Erfahrung stellt man außerdem fest, dass es früher gar nicht an einem selbst gelegen hat, sondern dass der erste Partner, wahrscheinlich auch weil er unerfahren war, nicht ganz genau wusste, was er tat. Sex ist nämlich eine der wenigen Dinge, die immer mehr Spaß machen, je älter man wird.
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