Dieses Blog hat sich bereits mit einigen Auswirkungen der sozialen Netzwerke auf unser Flirt- und Liebesverhalten beschäftigt (Facebook-Flirten, -Eifersucht, Liebes-Twitter). Natürlich fragt sich auch schon eine ganze Armada von Theoretikerinnen und Theoretikern, wie etwa Partnerbörsen und Chaträume unsere Partersuche und unser Ich-Verständnis beeinflussen. Von Eva Illouz war schon die Rede, sie spricht von kapitalisierten Beziehungen: Man verabredet sich im Web nur mit Gleichgestellten, Gleichgesinnten, verschwendet keine Zeit auf Menschen, von denen nicht das Erwartete zurückkommt. ”Life on screen” von der Cyberanalystin Sherry Turkle (1995) ist bereits ein Klassiker über die Herausbildung eines “second self”, eines zweiten Selbst im Netz. Der “tiny sex” im Internet per Chat erlaube auch das Spiel mit Geschlechterzuschreibungen, das “gender swapping”. Turkle’s These in Kurzform lautet “Ich bin viele”. Davon kann die Hamburger Band Die Sterne ein Lied singen: In ihrem Song “Big in Berlin” (1999) intonieren sie die Zeile “Wir sind viele und wir sind zu zweit.” Die menschliche Selbstdarstellung ist natürlich nicht nur auf die Onlinewelt begrenzt. Der kanadische Soziologe Erving Goffman verglich sie schon 1959 in seinem Buch “Wir alle spielen Theater” mit dem Rollenspiel auf der Theaterbühne. Für ihn galt aber nur der Kontakt zwischen Mensch und Mensch als Interaktion, die zwischen Mensch und Maschine zählte er nicht. Ob das Internet nun aber unser sexuelles Verhalten befreit, erweitert oder eher verunsichert, ist trotz aller schöner Theorie eine offene Frage. Prinzipiell sind die Möglichkeiten, im Internet andere Menschen kennenzulernen, unendlich. Durch gezielte Suchanfragen auf Partnerbörsen und genaue Profilvergleiche trifft man wahrscheinlich schneller auf Gleichgesinnte als in einer Kneipe. Auch hilft die digitale Distanz beim Online-Gespräch dabei, direkter zu sein, Tabus anzusprechen und Reaktionen zu provozieren.
Die Revolution wäre also eine der Masse und der Information. Doch wer nur noch online flirtet, lässt seine Sinne verkümmern. Ein Computer duftet und atmet nicht, er lächelt und errötet nicht. Besteht die sexuelle Revolution des Internets etwa darin, dass wir mehr über Sex lernen, lesen und schreiben, aber weniger Sex haben? Dass wir mehr denken, aber weniger fühlen? Abgesehen von unseren Fingerspitzen, die über die Tastatur tanzen? Daher: Genug geforscht für heute.
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