… nachts fotografiert. Lisa sagt: Da fehlt ein S.

… nachts fotografiert. Lisa sagt: Da fehlt ein S.


So heißt ein Roman von Clarice Lispector, einer brasilianischen Autorin jüdischer Abstammung, die mit ihren Eltern aus der Ukraine nach Lateinamerika kam. Er wurde 1944 veröffentlicht, als sie 23 Jahre alt war (da ihr Geburtsjahr je nach Quelle variiert, könnte sie auch erst 19 Jahre alt gewesen sein). Ein großer Kritikererfolg, aber ein Desaster für den Verlag. In dem Buch schildert sie die Sehnsüchte einer Frau in verschiedenen Lebensabschnitten, ihre traurige Kindheit, ihre Einsamkeit im Internat, ihr autonomes Denken zu Zeiten der Ehe und das genaue Hinsehen und -horchen, in sich selbst, vor allem in die Dinge. Clarice Lispector war fasziniert von der Liebe, ihrer Totalität und ihren Abgründen. Jeden ihrer berühmten Gesprächspartner, den sie 1968 für die Serie “Mögliche Gespräche mit Clarice Lispector” in der Zeitschrift “Manchete” interviewte, fragte sie darüber aus. Turmsegler zitiert einen dieser Dialoge. Ein Jahr zuvor war sie mit Zigarette zwischen den Fingern eingeschlafen und hatte ihre Wohnung in Flammen gesetzt – seitdem war ihre rechte Hand verkrüppelt und verbrannt.
Wie die beiden Fahrräder da an dem Herzschild lehnen, eine Minidemonstration zu zweit, mit Richtungsangabe (folge uns, dann wirst du sehen, was wir meinen), musste ich an den Lispector-Stil denken, an diese unheimlichen, aber auch heimlich-intimen, vor allem freien und mutigen Sentimentalitäten: “Weil ich im Grunde lieben will, was ich lieben möchte – und nicht was ist. Weil ich noch nicht ich selbst bin, und somit ist es eine Strafe, eine Welt zu lieben, die nicht sie ist. Auch, weil ich aufs Geratewohl beleidigt bin.” Das ist aus einem anderen Buch der “brasilianischen Virginia Woolf”, aus dem Erzählungsband “Die Nachahmung der Rose”. Große Gefühle. Viel zu selten, oder? Noch heute gilt Lispector als eine der wichtigsten Autorinnen Brasiliens.

