Unsexy Mode

In Thermounterwäsche kann man wahnsinnig viel Spaß haben, beim Ausdruckstanz mit verstauchtem Fuß, beim Skifahren im Stil “Bikini-Gaudi” und beim indischen Ballett. Aber auch in der folgenden Winter-Geschichte spielt diese besondere Bekleidung eine Hauptrolle:

Wir hatten uns auf einem Konzert in einem winzigen Club kennen gelernt: er auf der Bühne mit einem Bass in der Hand, ich unten im Publikum. Ich war gerade von einem Auslandssemester in New York zurück und fühlte mich deshalb großartig. Irgendwie weltgewandter als vorher. Ich trug die Mode der New Yorker Mädchen, kurze Röcke und T-shirts mit Aufdruck, heute Abend eines, auf dem “What about you?” stand. Ich war recht cool, gefühlsmäßig. Er auch.

Er spielte mit seiner Band schnelle, rockige Songs mit italienischen Texten. Je länger die Jungs spielten, desto länger schaute er mich auch an. Auf die Buchstaben auf meiner Brust. Auf meine Beine in dem kurzen Rock, und zwischendurch, ganz nachdenklich, in mein Gesicht. Wir prosteten uns mit Bierflaschen zu, wir sangen uns Textzeilen zu, manchmal lachten wir uns an. Am Ende des Konzerts kam er zum Bühnenrand und drückte mir einen Zettel mit seiner Telefonnummer in die Hand: “Wenn du Lust hast, ruf mal an.”

Eine Woche später hatten wir uns verabredet, fürs Kino. Der Film lief so nebenbei vor meinen Augen ab, in meinem Kopf bewegte ich die Frage hin und her: Was kommt nach dem Kino? Dann standen wir schließlich vor dem Kino, es war Januar und lausekalt. “Definitiv die falsche Jahreszeit, um sich kennen zu lernen”, sagte ich. “Ich würde vorschlagen, was trinken zu gehen”, sagte er. Da fiel mir wieder ein, dass ich gerade zurück aus New York war, und eigentlich kein Mädchen mehr sondern eine erwachsene Frau: eine, die sagte, was sie wollte. Die mutig war. “Lass uns bei mir was trinken”, schlug ich vor und spürte gleichzeitig mein Herz ganz laut schlagen und das Blut in meinem Kopf rotieren. Er sah mich erst erstaunt an, dann abwartend, dann irgendwie wissend. Es dauerte ewig, bis er antwortete: “Wir können auf meinem Roller fahren.”

Wir stiegen auf den Roller, die Fahrt war kalt, aber verheißungsvoll. Wir lachten an den Ampeln, ich streckte meinen Kopf ganz weit in die klirrendkalte Januarnacht und in den Fahrtwind hinein – und meine Hände unter seine Jacke, um sie zu wärmen. Er war ganz ruhig und fuhr und drehte sich manchmal zu mir um.

Und dann standen wir in meinem Treppenhaus, froh, im Warmen zu sein. Das Licht ging nicht und wir liefen im Dunkeln die Treppen hoch, da hielt er mich plötzlich von hinten fest und wir küssten uns, vor der kalten Wand. Und fassten uns mit unseren kalten Händen an, erst im Stehen, später auf den Stufen liegend. Als wir unten an der Haustür Leute hörten, standen wir auf und rannten in die Wohnung hoch. Drinnen bei mir war dann Licht auf dem Bett und eine Heizung daneben. Er ließ sich mit Mantel und Stiefeln aufs Bett fallen und sagte: “Ich muss dir was Schreckliches sagen.” Ich fühlte mich ganz wach plötzlich, nüchtern. AIDS, dachte ich. Oder er hat eine Freundin. Oder er findet mich irgendwie doch überhaupt nicht attraktiv. Ich schaute ihn an und sagte: “Sag.”

“Ich hab’ Thermounterwäsche an.”
“Was?”
“Thermounterwäsche. Total unsexy, oder?” Er schaute mich verkniffen an.

“Kann ich mal sehen?” fragte ich. Er griff in seine Hose und zog ein Stück Stoff über den Hosenbund. Der Stoff sah aus wie der Vorhang einer Kinderwiege, aus Flanell, weiß mit irgendeinem kleinen roten Muster. Möglicherweise waren es sogar Weihnachtsmänner. Der Stoffzipfel passte überhaupt nicht zu dem Rest des Mannes, zu dem schwarzen Wollmantel, den schweren Stiefeln, den dunklen Jeans. “Ich hab überhaupt nicht damit gerechnet, dass wir zusammen nach Hause gehen”, sagte er. “Ich dachte, wir gehen ins Kino und lernen uns kennen und so.”

“Willst du mal meine Unterwäsche sehen?” fragte ich, wissend, dass ich mich auf diesen Abend vorbereitet hatte, mit schwarzer Seidenunterwäsche, einem BH, der ohne peinliche Polster größere Brüste schuf, und rasierten Beinen. Da zog er mir meinen Mantel aus und die Schuhe. Als ich schon fast nackt war und anfing, die Knöpfe seines Mantels aufzumachen, griff er nach der Lampe und knipste sie aus. “Ist besser.”

Meine Unterwäsche hatte er sich gar nicht richtig angucken können. Wir machten weiter. Er zog mich zu Ende aus und ich ihm seinen Pullover. Dann zog er sich ganz schnell alles aus, was er noch anhatte. Ich konnte im Dunkeln das Weiß seiner langen Unterhose ahnen. Ich fand ihn großartig. Ich selbst, das weiß ich genau, wäre mit einer solchen Unterhose auf gar keinen Fall mit einem fremden Mann mit nach Hause gegangen. Er streckte die Hand aus, die war jetzt ganz warm. Dann küssten wir uns und dann liebten wir uns. Später lag er schwitzend auf mir und stützte seine Arme neben meinen Ohren aufs Kissen. Er sagte: “Ich finde, wir könnten es auch noch mal in Skiunterwäsche machen.”

PS: Habt ihr auch Erfahrungen mit unsexy Mode? Oder gibt es ungewöhnlich Kleidungsstücke, die ihr empfehlen könnt? Die eine Aufwertung gebrauchen können? Schreibt uns! Die Welt braucht eure Liebes-Tipps.

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